Nach zwei Jahren Pause ist die Techno Parade in die Straßen von Paris zurückgekehrt. Mehrere Tausend Menschen feierten dabei nicht nur elektronische Musik, sondern demonstrierten gegen ein neues Gesetz, das Organisatoren und Besucher illegaler Free Partys deutlich härter bestrafen kann.
Tausende verwandeln Paris in einen Dancefloor
Laute Bässe, neun mit Soundsystemen beladene Trucks und eine unmissverständliche Botschaft: Am Samstag, 19. September, zog die Techno Parade erstmals seit 2023 wieder durch Paris. Mehrere Tausend Menschen versammelten sich zunächst an der Place de la Bastille. Von dort führte die Route über die Place de la République bis zur Place de la Nation. Über den Köpfen der tanzenden Menge waren neben bunten Outfits auch zahlreiche politische Botschaften zu sehen. Auf einem Schild stand: „Nichts hält ein tanzendes Volk auf.“
Dass die Techno Parade nach zwei ausgefallenen Ausgaben zurückkehrte, verlieh der Veranstaltung ohnehin eine besondere Bedeutung. 2024 musste sie wegen der Paralympischen Spiele pausieren, ein Jahr später fehlte es den Organisatoren nach eigenen Angaben an Sponsoren. Dieses Mal ging es allerdings um weit mehr als das Comeback einer großen Straßenparty. Die von Technopol organisierte Parade wurde zu einer Demonstration gegen das neue französische RIPOST-Gesetz. Auf dem Technopol-Truck war die Botschaft deutlich formuliert: Clubkultur sei ein kulturelles Erbe und keine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit.
Darum geht es beim RIPOST-Gesetz
RIPOST steht für „Réponses immédiates aux phénomènes troublant l’ordre public, la sécurité et la tranquillité“. Übersetzt geht es um unmittelbare Reaktionen auf Vorfälle, die nach Auffassung des Staates die öffentliche Ordnung, Sicherheit oder Ruhe stören. Das Gesetz wurde am 18. August verabschiedet und behandelt zahlreiche unterschiedliche Bereiche. Dazu gehören unter anderem illegale Autorennen, Pyrotechnik, Lachgas, Drogen und Videoüberwachung. Ein Teil richtet sich ausdrücklich gegen nicht angemeldete musikalische Veranstaltungen wie Raves und Free Partys.
Die Grenze, ab der solche Zusammenkünfte angemeldet werden müssen, wurde von 500 auf mehr als 250 Teilnehmer gesenkt. Wer direkt oder indirekt an der Vorbereitung, dem Aufbau oder der Durchführung einer nicht angemeldeten Veranstaltung beteiligt ist, kann mit bis zu zwei Jahren Haft und 30.000 Euro Geldstrafe bestraft werden. Zusätzlich kann verwendetes Equipment beschlagnahmt werden.
Auch für die Besucher gelten erstmals deutlich schärfere Regeln. Wer an einer Veranstaltung teilnimmt, deren illegaler Charakter zuvor öffentlich bekannt gemacht wurde, riskiert bis zu sechs Monate Haft und 7.500 Euro Geldstrafe. Alternativ kann direkt vor Ort eine pauschale Geldstrafe von 500 Euro verhängt werden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Besucher einer unangemeldeten Party automatisch im Gefängnis landet. Entscheidend ist unter anderem, dass die Behörden den illegalen Charakter der Veranstaltung öffentlich mitgeteilt haben. Trotzdem macht das Gesetz aus der Teilnahme unter diesen Voraussetzungen eine Straftat – und genau daran entzündet sich der Protest.
Die Szene fürchtet eine zu breite Auslegung
Technopol kritisiert neben der Höhe der möglichen Strafen vor allem die aus Sicht des Verbands unklaren Formulierungen. Weil das Gesetz alle erfasst, die direkt oder indirekt zum Ablauf beitragen, stellt sich die Frage, wer juristisch als Organisator gilt. Könnte auch ein DJ betroffen sein, der ohne Gage einige Tracks spielt? Was ist mit freiwilligen Helfern, die Getränke verteilen oder beim Aufbau unterstützen? Auf diese Fragen sieht Technopol bislang keine ausreichend klaren Antworten.
Der Verband fordert deshalb Gespräche mit dem französischen Innenministerium und letztlich die Abschaffung der betreffenden Regelungen. Die Regierung argumentiert hingegen mit dem Schutz der öffentlichen Ordnung. Nicht angemeldete Musikveranstaltungen verursachten Lärm, Sicherheitsrisiken und weitere Belastungen für Anwohner und Einsatzkräfte. Mit RIPOST sollen Verstöße schneller und konsequenter geahndet werden können.
Für die Szene steckt darin jedoch ein grundlegender Widerspruch. Auf der einen Seite würdigt Frankreich elektronische Musik als kulturelles Aushängeschild und bemüht sich um die internationale Anerkennung der French Touch. Auf der anderen Seite werden ihre selbstorganisierten Wurzeln mit Haftstrafen und hohen Geldbußen bedroht.
Detroit erinnert Paris an die Wurzeln der Technokultur
Passend zu dieser Debatte stand die diesjährige Techno Parade im Zeichen von Detroit. Auf einem eigenen Truck spielten unter anderem Kevin Saunderson und DJ Minx – zwei Künstler, die eng mit der Geschichte der dortigen Techno- und House-Kultur verbunden sind. Damit erinnerte die Parade auch daran, dass elektronische Musik nicht in großen Arenen, VIP-Bereichen oder millionenschweren Produktionen entstanden ist. Ihre Wurzeln liegen in selbstorganisierten Räumen und marginalisierten Communitys, die sich eigene Orte zum Tanzen geschaffen haben.
Auch die Techno Parade selbst entstand 1998 nicht als bloßes Straßenfest. Sie sollte elektronische Musik sichtbar machen und ihre Anerkennung als Kulturform vorantreiben. Der politische Protest gehörte damit von Beginn an zu ihrer Geschichte. Ob die Demonstration etwas am RIPOST-Gesetz verändern wird, ist offen. Überhören ließ sich die Botschaft am Samstag allerdings kaum.
Nach zwei Jahren ohne Techno Parade kehrten die Bässe nach Paris zurück. Dieses Mal waren sie nicht nur zum Tanzen da.
Fotocredit: Syced, 2002 September 14, Paris techno parade 77, CC0 1.0

Autor
Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de




