„F*CK U SKRILLEX YOU THINK UR ANDY WARHOL BUT UR NOT!!<3“ – was wie ein Troll-Kommentar aus einem vergessenen Reddit-Thread klingt, ist in Wirklichkeit der Titel eines der mutigsten und emotionalsten Releases von Skrillex bisher.
Skrillex veröffentlicht „F*CK U SKRILLEX YOU THINK UR ANDY WARHOL BUT UR NOT!!<3“
Am 1. April, dem Tag, an dem normalerweise alles in Frage gestellt wird, zeigte Sonny Moore alias Skrillex, dass er keine halben Sachen macht. Nach einer exklusiven Listening-Party in Miami tauchte über Nacht ein Dropbox-Link in den Postfächern seiner Newsletter-Abonnenten auf – mit dem kompletten Album. Kein Promo-Rollout, kein PR-Getöse. Am Dienstag ist das Werk offiziell auf allen Streaming-Plattformen erschienen. Und es ist alles andere als ein Scherz.
Ein Liebesbrief an die OG-Fans
„F*CK U SKRILLEX…“ ist mehr als ein Mixtape oder ein Album. Es ist eine Zeitkapsel. Eine Collage aus rohen Ideen, vergessenen Banger-Skizzen und überarbeiteten Fan-Favoriten, die teilweise über ein Jahrzehnt alt sind. Tracks wie „VOLTAGE“ oder „SAN DIEGO VIP“ galten jahrelang als YouTube-Relikte aus der goldenen Ära der Dubstep-Livesets – jetzt sind sie endlich offiziell erhältlich.
Insgesamt umfasst das Projekt satte 34 Tracks, verpackt in einem stimmigen Mix – mit einem symbolträchtigen Auftakt: „SKRILLEX IS DEAD“. Ein klarer Schnitt. Ein künstlerischer Reboot. Neben langjährigen Weggefährten wie Boys Noize, Virtual Riot, Wuki oder Dylan Brady sind spannende Namen wie Jónsi, Starrah, G Jones, Naisha, LOAM, Varg2™ und swedm® mit von der Partie – was den Facettenreichtum des Albums zusätzlich verstärkt.
Das Ganze wirkt wie ein offenes Klangarchiv: Es mischt Nostalgie mit Hyperpop-Ausflügen, Industrial-Breaks und cineastischer Weite – und lässt dabei die musikalische DNA von Skrillex immer spürbar bleiben. Und schon in der Fanmail, mit der das Album geteilt wurde, unterstrich Skrillex die persönliche Bedeutung: Ein Foto einer handgeschriebenen Notiz war angehängt. Darauf schrieb er:
„Hope you find some time in your busy life to listen to this album from start to finish. ♥ Sonny“

Das Ende einer Ära – mit Seitenhieb
Mit dieser Veröffentlichung endet auch die 15-jährige Zusammenarbeit mit Atlantic Records. „F*CK U SKRILLEX…“ ist laut eigener Aussage sein letztes Projekt für das Label – und gleichzeitig der Start in eine neue Phase als „unabhängiger“ Künstler.
Wie ernst es ihm damit ist, zeigt ein Moment bei Minute 31:45 des Albums. Dort hört man eine Stimme sagen: „This beat drop has been seized by Atlantic Records and has been replaced with silence“. Ein sarkastischer, aber vielsagender Kommentar zur Labelpolitik und seinem Bruch mit der alten Industrie.
Bereits im November 2024 hatte er via X angekündigt, künftig andere Wege gehen zu wollen:
„Independent is such a strange term because I still depend on my team […] But now I’m able to rethink / relook at how the structures are designed. I want to find ways to simplify decimating music and art. I see lots of artist in a constant panic.“
Seine Kritik: Zu viele Künstler seien im Dauerstressmodus – er wolle neue, einfachere Wege finden, Musik und Kunst zu veröffentlichen.
Vor wenigen Tagen trat Skrillex übrigens zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder auf der Mainstage des Ultra Music Festivals in Miami auf – ein symbolträchtiges Comeback zur rechten Zeit.
Spannend auch: Das Album ist bereits der dritte „Surprise Drop“ über die neue OWSLA-Mailingliste. Schon im Februar bekamen Abonnenten exklusive Snippets zu „Bibi’s Tower“ und „Scut“. Die klassische Promo-Kampagne? Vergangenheit. Skrillex kommuniziert lieber direkt mit seiner Community – roh, ehrlich, ungeschliffen.
Fazit: Chaos mit Konzept
Skrillex selbst empfiehlt: Durchhören von Anfang bis Ende – als nahtloses Erlebnis. Keine Playlist, kein Algorithmus-Futter, sondern ein zusammenhängendes Stück Musikgeschichte. Eine Liebeserklärung an die Karriere eines Künstlers, der mit jedem Release neu erfindet, was elektronische Musik sein kann.
Ob das Ganze à la Andy Warhol gedacht war? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber eines ist sicher: Skrillex ist zurück – mit einem lauten, wilden, ehrlichen Statement.
Fotocredit: Nakeesha

Franz Beschoner
Head of Editorial / franz@djmag.de